22

 

Drei Stunden später kamen wir in Drakes Pariser Haus an.

»Was willst du eigentlich Drake und Aisling von Fiat erzählen?«

»Nur, was sie wissen müssen, um uns bei Chuan Ren zu helfen.«

Wir betraten die geräumige Eingangshalle, und ich legte meinen Mantel ab. »Findest du, es ist eine gute Idee, sie in die Angelegenheit zu verwickeln? Drake wird nicht zulassen, dass Aisling sich in Gefahr begibt. Andererseits weiß ich niemanden sonst, der uns helfen könnte. Vielleicht könnte ich Magoth zwingen...«

Er unterbrach mich mit einem so leidenschaftlichen Kuss, dass ich ihn am liebsten auf der Stelle angesprungen hätte.

»Mein tapferes Vögelchen. Gerade wenn ich überzeugt bin, dass du ohne mich nicht zurechtkommst, fährst du deine Krallen aus, und ich habe Angst, dass du mir davonfliegst.«

Ich blickte ihn an und rieb unwillkürlich die Hände an meinen Beinen, um mich zu vergewissern, dass die Krallen nicht da waren. Das Funkeln in seinen Augen erlosch, als ich nicht antwortete.

»Da seid ihr ja!« Aisling tauchte aus einem der Badezimmer auf. »Drake ist im Salon. Kommt herein und trinkt etwas. Das habt ihr nach all dem Mist, den Fiat verzapft hat, bestimmt nötig. Ich könnte auch einen Drink vertragen, aber ich darf ja nur Saft trinken. Aber ihr braucht dieses Schicksal ja nicht mit mir zu teilen.«

»Ich könnte auch was vertragen«, erklärte Jim, der ihr Wohnzimmer gefolgt war. »Ich habe einen richtig blöden Geschmack im Mund. Scotch on die rocks, István. Einen doppelten.«

»Du lässt deinen Dämon trinken?«, fragte ich. Gabriel reichte mir ein Glas Drachenblut, das nur Drachen ohne tödliche Folgen trinken konnten.

»Nein, eigentlich nicht«, erwiderte Aisling und warf ihrem Dämonenhund einen finsteren Blick zu. »Du bekommst auch ein Ginger Ale, Kumpel.«

»Du bist gemein!«, murrte Jim.

»Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber ist das ein freundschaftlicher Besuch, oder geht es um Drachenangelegenheiten? «, fragte Aisling. Sie seufzte, als Drake ihr ein Kissen in den Rücken stopfte. »Wenn ihr über Fiat oder Kostya reden wollt, wäre ich euch dankbar, wenn ihr es innerhalb der nächsten zwanzig Minuten schaffen würdet.«

»Wieso zwanzig Minuten?«, fragte ich verwirrt.

»Das Baby liegt direkt auf meiner Blase«, erwiderte Aisling und tätschelte ihren dicken Bauch. »Aber solange die Kleine mir erlaubt, still zu sitzen, habt ihr meine ungeteilte Aufmerksamkeit.«

»Oh, ich wusste gar, dass ihr über das Geschlecht Bescheid wisst«, sagte ich. »Ein Mädchen! Wie aufregend!«

»Aisling bekommt einen Jungen«, erklärte Drake und setzte sich neben seine Frau. »Jeder weiß, dass Mädchen nur Ärger machen. Wir bekommen einen Sohn.«

»Ha!« Aisling stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. »Da täuschst du dich aber. Mädchen sind völlig unkompliziert. Jungs machen immer nur Ärger. Wir bekommen eine Tochter, ein süßes Mädchen, das sich von dir nicht wie im Mittelalter tyrannisieren lässt.«

Drake warf Gabriel einen gequälten Blick zu, der mich zum Lächeln brachte. »Ich würde dich ja warnen, damit noch zu war ten, aber ich habe so die Vermutung, dass May einfach ihren Willen durchsetzen wird. Sie bekommt bestimmt auch absichtlich ein Mädchen, obwohl doch wirklich jeder weiß, dass männliche Drachen viel leichter zu erziehen sind.«

»Der Vater bestimmt das Geschlecht, das weißt du doch«, warf Aisling versöhnlich ein. Sie strahlte uns an. »Wollen wir plaudern oder Drachenangelegenheiten besprechen?«

»Letzteres«, antwortete Gabriel und wandte sich an Drake.

»Ich muss mit dir über die roten Drachen sprechen.«

»Das habe ich mir schon gedacht«, erwiderte Drake. »Mir kam Fiats plötzliches Wiederauftauchen sowieso nicht ganz geheuer vor.«

Gabriel berichtete, was Cyrene, Maata und ich in Fiats Gewölbe erlebt hatten. Als er fertig war, marschierte Drake im Zimmer auf und ab.

»Drachen gehen viel häufiger auf und ab als andere Leute«, bemerkte ich zu Aisling.

Sie nickte. »Das ist aufgestaute Energie - sie müssen sich bewegen, sonst gehen sie in Flammen auf.«

»Warum hast du auf dem sárkány nichts davon gesagt?«, wollte Drake wissen. Gabriel blickte mich an, und Drake blieb stehen.

»Ah, das Stück Drachenherz. Ja. Ich verstehe. Du hattest keine andere Wahl.«

»Das verstehe ich nicht.« Aisling blickte verwirrt von einem zum anderen. »Aber wartet bitte mal kurz, ich muss nur rasch aufs Töpfchen. Ihr könnt es mir erklären, wenn ich zurück bin.«

Jim blickte mich so gierig an, dass mir ganz unbehaglich wurde. »Hör auf damit!«, befahl ich dem Dämon.

Er grinste. »Du kennst die Regeln - ich brauche dir nicht zu gehorchen.«

Ich warf ihm einen strengen Blick zu. »Ich brauche es nur Aisling zu...«

»Oh Mann! Man kann noch nicht mal mehr einen Witz machen.« Jim verdrehte die Augen. »Na gut, ich schaue dich nicht mehr an. Zufrieden?«

Ich ignorierte den Dämon und wandte meine Aufmerksamkeit lieber den beiden Männern zu, die über Bao, Fiat und den mysteriösen Drachen sprachen. Als ich mich erneut umdrehte, starrte Jim mich schon wieder an.

»Könntest du bitte damit aufhören?«, zischte ich.

»Entschuldigung. Ich kann einfach nicht anders. Außer Ash habe ich noch nie jemanden gesehen, der Bael widersprochen und es überlebt hat.«

»Ich habe ihm nicht widersprochen«, sagte ich.

»Da bin ich wieder«, erklärte Aisling. Sie tätschelte Jim den Kopf. »Was habe ich verpasst?«

»Nicht viel. Drake und Gabriel streiten sich darüber, was es bedeutet, dass Baltic von den Toten wiederauferstanden ist, und May war gemein zu mir.« Jim legte sich zu ihren Füßen. Ich warf dem Dämon einen finsteren Blick zu.

»Wenn May gemein zu dir war, hast du es sicher auch verdient«, sagte Aisling.

»Ich war nicht...«

Sie wehrte meinen Protest ab. »Du kannst Jim ruhig ignorieren, wenn er sich so idiotisch benimmt.«

»Hey! Du redest über mich!«

»Und der Typ, den du gesehen hast, war tatsächlich Baltic?«, fragte Aisling.

Gabriel setzte sich wieder. »Das wissen wir nicht. Allerdings hat das nichts damit zu tun, dass wir eure Hilfe brauchen.«

»Fiat«, warf Drake ein und nickte.

»Nein, das glaube ich nicht, Süßer«, sagte Aisling. »Es geht um deinen Dämonenfürsten, oder?«, fragte sie mich. »Du hast gedacht, du könntest ihn so einfach überreden, aber ich nehme an, du warst nicht sonderlich erfolgreich.«

»Nein, ganz und gar nicht«, erwiderte Gabriel. »Wir haben schon daran gedacht, ihn noch einmal anzusprechen, aber solange wir ihm nichts zum Tausch anbieten können, wird er uns nicht helfen.«

»Und selbst wenn wir etwas hätten, gäbe es keine Garantie, dass er es nicht einfach nähme und damit abhauen würde«, fügte ich hinzu.

»Was erwartet ihr von ihm?«, meinte Jim. »Er ist Dämonenfürst. Es gehört zu seiner Stellenbeschreibung, Leute auszutricksen.«

»Da hat Jim recht«, sagte Aisling nachdenklich. »Ich könnte vielleicht die Hüter-Gilde fragen, ob sie uns helfen können, aber sie sind nicht gut auf mich zu sprechen, weil... na ja, sie sind eben nicht gut auf mich zu sprechen.«

»Liegt es an mir?«, fragte ich besorgt. »Habe ich dich zu oft in Anspruch genommen und sie dadurch verärgert?«

Jim kicherte. Aisling schaute mich verlegen an. »Äh... nein. Es war gar nichts, nur eine unbedeutende Sache, aber der Direktor der Hüter-Gilde würde eine Anfrage von mir sicher nicht mit höchster Priorität behandeln.«

»Sie hat ihn in ein Simulacrum verwandelt«, raunte Jim mir in vertraulichem Tonfall zu.

»In ein Simulacrum?«, fragte ich erstaunt. »Eine lebende Statue?«

»Es war nur ein unglücklicher Zufall.« Aisling machte eine abwehrende Geste. »Als wir in London waren, sind Kobolde ausgebrochen, und als ich dabei helfen wollte, die Kobolde zu hindern, habe ich aus Versehen Caribbean Battiste, den Direktor der Gilde, erwischt, und er wurde für eine Weile in eine lebende Statue verwandelt. Aber vor Einbruch der Nacht habe ich ihn wieder zurückverwandelt, deshalb verstehe ich wirklich nicht, warum sich alle so darüber aufgeregt haben. Schließlich war es ja kein Dauerzustand.«

Ich blickte Aisling mit neu erwachtem Respekt an. Jemand mit solchen Fähigkeiten war möglicherweise die Antwort auf meine Gebete. »Wir brauchen deine Hilfe. Ich hoffe, wir können darauf zählen?«

»Bei deinem Dämonenfürsten? Absolut«, erwiderte Aisling.

»Nein«, ließ Drake im selben Moment verlauten. Die beiden warfen sich einen bösen Blick zu.

»Du wirst dich nicht noch einmal mit einem Dämonenfürsten einlassen«, sagte Drake zu ihr. »Es ist zu gefährlich.«

Aisling öffnete den Mund, um zu protestieren, schloss ihn aber wieder und schwieg einen Moment. »Na gut«, sagte sie schließlich. Drake warf ihr einen überraschten Blick zu. »Vielleicht hatte Nora ja recht, und das Baby beeinträchtigt mich tatsächlich in meinen Hüterinnen-Fähigkeiten. Magoth mag ja in dieser Welt nicht viel ausrichten können, aber er ist immerhin ein Dämonenfürst, also werde ich mein Angebot zurückziehen und stattdessen Noras Hilfe anbieten. Ich bin sicher, dass sie dir gerne helfen wird. Was genau soll Magoth denn für dich tun?«

»Nichts.« Gabriel zog mich an sich.

»Ich verstehe nicht«, sagte Aisling. »Habe ich etwas nicht mitbekommen?«

Jim schnaubte.

»Bevor Sally mit Magoth abgezogen ist, hat sie mir erklärt, dass Chuan Ren ein Drache ist«, sagte ich.

»Chuan Ren? Ja, sicher. Aber was hat sie mit Magoth zu tun?«, fragte Aisling verwirrt.

»Mit Magoth hat sie gar nichts zu tun - Bael hat sie gefunden, nachdem du sie nach Abbadon verbannt hattest«, erklärte ich.

»Ha. Sie verdienen einander«, stellte Aisling zufrieden fest.

Gabriel drückte meine Taille ein wenig. Ich holte tief Luft und fuhr fort: »Wir wussten natürlich, dass Chuan Ren ein Drache war, aber meine Erfahrung mit Drachen war bis vor zwei Monaten begrenzt, und es ist mir einfach nicht aufgefallen, dass zwar alle Chuan Ren wie eine Untergebene behandelt haben, sie aber natürlich keine sein kann, weil Drachen nicht die Diener von Dämonenfürsten sein können. So etwas geht einfach nicht.«

Aisling nickte. »Deshalb können wir sie auch nicht rufen wie einen Dämonenfürsten. Allerdings wüsste ich auch nicht, warum ich das tun sollte.«

»Genau. Aber es bedeutet auch, dass wir uns nicht an Bael wenden müssen, um sie zu bekommen.«

»Warum wollt ihr sie denn überhaupt? Ihr müsst entschuldigen«, sagte Aisling lächelnd, »aber anscheinend blockiert die Schwangerschaft all meine Gehirnzellen. Ich verstehe immer noch nicht, worauf ihr hinauswollt.«

»Wenn ich es ausspreche, verbannst du mich dann nach Akasha?«, fragte Jim.

»Ja.«

»Verdammt.«

Ich schmiegte mich an Gabriel und suchte Kraft bei ihm.

»Bael hält Chuan Ren gegen ihren Willen fest. Sie ist seine Gefangene, kenne Untergebene«, erklärte ich Aisling. »Und das bedeutet, sie kann ihn nur verlassen, wenn er sie freilässt oder wenn ihre Verbannung aufgehoben wird.«

»Ah, ein Rückruf«, sagte Aisling, der endlich ein Licht aufging.

»Na ja, das würde funktionieren. Ich habe sie verbannt, also habe ich auch die Macht, sie zurückzurufen. Es gibt nur einen Hinderungsgrund.«

Das Herz wurde mir schwer. »Was für einen?«, fragte ich enttäuscht. Die Möglichkeit, das Chuan-Ren-Problem zu lösen, war doch schon zum Greifen nah gewesen.

Aisling schüttelte den Kopf. »Ich müsste wahnsinnig sein, wenn ich das täte. Es tut mir leid, aber ich kann Chuan Ren nicht zurückholen. Ich habe sie ja aus gutem Grund nach Abbadon verbannt. Sie ist viel zu gefährlich für die grünen Drachen. Ich wünschte wirklich, ich könnte dir helfen, May, aber das kann ich nicht.«

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